Arbeitskreis im Februar 2026

Übung zu Fällen aus dem Giftnotruf

Auch in diesem Jahr wollten wir uns mit Mitgliedern des Arbeitskreises, die bereits für den Giftnotruf tätig sind oder künftig dort mitarbeiten möchten, erneut intensiv mit verschiedenen Aspekten rund um das Thema Pilzvergiftungen beschäftigen und Analyseübungen machen.

Diejenigen, die sich mit den Vergiftungsfällen auseinandersetzen wollten, mussten ihre Arbeitsplätze mit Mikroskop und entsprechendem Material vorbereiten. Dennoch ließen sie es sich nicht nehmen, auch an einer Exkursion im angrenzenden Wald teilzunehmen. Aufgrund des feuchten Wetters fiel diese für einige Teilnehmende allerdings etwas kürzer aus als geplant.

In diesem Jahr standen uns vier reale Fälle vom letzten Jahr aus der Giftnotruf-Praxis zur Bearbeitung zur Verfügung. Die ursprünglich zu untersuchenden Pilzproben waren hierfür eingefroren worden. Zusätzlich hat Volker eine (vielleicht) schmackhafte– und zugleich lehrreiche – „Giftsuppe“ zubereitet, die auf einem tatsächlichen Fall aus dem Jahr 2018 basiert.

Die fünf Vergiftungsfälle

Fall 1

ieser Fall stammt aus dem Oktober des vergangenen Jahres. Die Sammlerin hatte Pilze gesammelt, die sie für Nebelkappen hielt. Etwa 15 Minuten nach dem Essen bekam sie jedoch Magenschmerzen und befürchtete, möglicherweise Knollenblätterpilze gesammelt zu haben. Die Essensreste brachte sie daraufhin zu Petra (PSV),die den Fall bearbeitete. Das Material hat sie dann eigens für unsere Arbeitskreisübung eingefroren und nun mitgebracht.

Da es sich um ein bereits fertig gekochtes Gericht handelte, mussten die Pilzstücke zunächst von Fett befreit werden – mit Spülmittel und reichlich heißem Wasser. Beim ersten Mikroskopierdurchgang zeigten sich allerdings mehr Öltropfen als Sporen, sodass wir die Entfettung wiederholen mussten. Auch danach gestaltete sich die Suche nach Sporen schwierig, vermutlich weil es sich um sehr junge Fruchtkörper gehandelt hatte.

Schließlich konnten wir doch Sporen nachweisen, die eindeutig zu den Nebelkappen (Clitocybe nebularis) passten – genau jene Art, welche die Sammlerin gedacht hatte gesammelt zu haben. Wenn man die Pilzstückchen betrachtete konnte man auch noch die herablaufenden Lamellen, den stämmigen Wuchs und andere Merkmale erkennen, die unsere Bestimmung noch zusätzlich bestätigten

Fall 2

Beim zweiten Fall handelte es sich um ein echtes Mischgericht, das uns im vergangenen März übergeben wurde – übrigens genau in der Nacht nach unserer letztjährigen AK‑Übung zum Thema Pilzvergiftung. Die Pilze, aus denen eine Pilzpfanne mit Reis zubereitet wurde, waren ursprünglich im Herbst gesammelt, siliert und anschließend eingefroren worden. Aufgrund der großen Vielfalt versuchten wir zunächst, die einzelnen Pilzstücke auf einem Teller zu sortieren, um die Arten möglichst getrennt voneinander zu untersuchen.

Unter dem Mikroskop konnten wir schließlich Sporen von rund zehn verschiedenen Pilzarten nachweisen. Wir haben Sporen der Gattung Cortinarius, Boletus, Imleria, Coprinus, Agaricus, u.a  gefunden. Da sich darunter auch Sporen von Schleierlingen (Cortinarien) befanden, lässt sich eine Orellanin‑Vergiftung nicht sicher ausschließen. Ebenso bleibt eine Amanitin‑Vergiftung möglich, da wir mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht alle im Gericht enthaltenen Pilzarten identifizieren konnten.

Fall 3

Wenn ein Anruf über den Giftnotruf eingeht, betrifft er sehr häufig Kinder, die in einen Pilz hineingebissen haben. So auch in unserem nächsten realen Fall: Ein 1,5jähriges Kind hatte in einen Pilz gebissen, der in einem Blumentopf wuchs. Der angebissene Fruchtkörper wurde uns zur Bestimmung gebracht. Wir hofften, dass es sich nicht um einen der tödlich giftigen kleinen Schirmlinge (Lepiota spp.) handelte, da diese ja auch in Blumentöpfen vorkommen können. Bei der Untersuchung gab es jedoch schnell Entwarnung: Das Sporenpulver war deutlich braun, womit giftige Schirmlinge ausgeschlossen werden konnten. Die Sporen selbst waren dickwandig und mit Keimporus. Entscheidenden Aufschluss gaben schließlich die Cheilozystiden – sie erinnern in ihrer Form ein wenig an kleine „MenschÄrgereDichnicht-Spielfiguren“, da sie ein ausgeprägtes Köpfchen besitzen. Damit war klar, dass es sich um einen Pilz aus der Gattung Samthäubchen (Conocybe) handelte, der durchaus auch in Blumentöpfen vorkommen kann.

Fall 4

Volker brachte noch einen weiteren realen Fall mit, bei dem ebenfalls ein Kind in einen Pilz gebissen hatte. Der eingefrorene Fruchtkörper war noch gut erhalten, allerdings war der Ring am Stiel durch das Einfrieren kaum mehr zu erkennen. Ein Blick auf die Lamellen weckte jedoch sofort einen ersten Verdacht: Die typische, sehr dunkle Tönung mit einem lila Reflex deutete auf einen Träuschling hin. Größe und Erscheinungsbild des Pilzes sowie der inzwischen fehlende Ring sprachen am ehesten für einen Krönchenträuschling (Stropharia coronilla).

Auch die mikroskopischen Merkmale bestätigten diese Einschätzung – sowohl die Sporengröße als auch die charakteristisch zipfeligen Pleurozystiden passten. Am Fruchtkörper war deutlich zu erkennen, dass tatsächlich ein kleines Stück fehlte, das das Kind abgebissen hatte.

Der Krönchenträuschling gilt als psilocybinverdächtig und kann Rauschzustände auslösen. Ein  bekannter Fall ereignete sich 2007 in der Oberlausitz: Auf einer Schafweide wuchsen zahlreiche Fruchtkörper dieser Art, woraufhin die dort grasenden Schafe in einen psychedelischen Rauschzustand gerieten – sie taumelten und schliefen ungewöhnlich viel. Nachdem die Tiere auf eine andere Weide gebracht wurden, erholten sich alle bis auf ein Schaf, das verendete.Dem Kind aus unserem Fall ging es bereits am nächsten Tag wieder gut. Am Vorabend war es nach dem Biss in den Pilz allerdings noch einige Zeit ungewöhnlich aufgekratzt.

Fall 5

Der letzte Fall war der nachgestellte Vergiftungsfall aus dem Jahr 2018. In diesem Verfahren konnten wir tatsächlich (Q 1,1 -1,3) Amanita‑Sporen nachweisen, die eine amyloide Reaktion zeigten; damit ließ sich eine Amanitin‑Vergiftung nicht ausschließen, da der grüne Knollenblätterpilz genau in dieses Muster passt.

Anders als bei der exakten Bestimmung von Pilzarten steht bei der Untersuchung von Proben aus Vergiftungsfällen nicht die präzise Artbestimmung im Vordergrund, sondern das Ausschließen und Erkennen  potenziell tödlich giftiger Arten.

Bemerkenswert war außerdem die Beobachtung, dass die amyloide Reaktion bei den Sporen der gekochten und noch vom Entfetten feuchten Pilzstückchen sich nur sehr langsam einstellte  – ganz im Gegensatz zu frischen, ungekochten Sporen.

Zusätzlich waren in der Pilzsuppe noch Fruchtstücke und Sporen von Frauen-Täublinge (Russula cyanoxantha), Maronenröhrlinge (Imleria badia) und Zuchtchampignons (Agaricus bisporus). Bei letzter Art muß unser „Sammler Volker“ wohl auch durch einen Supermarkt gekommen sein.

Abschließend wurden alle fünf Fälle noch einmal ausführlich besprochen. Besonders diejenigen, die bisher noch nicht in diesem Bereich tätig waren, mussten feststellen, dass die Bestimmung von eingefrorenen, bereits zerdrückten oder sogar schon gekochten Pilzen oft nicht so einfach möglich ist. Eine Besonderheit bei diesen Fällen ist aber auch, dass man hier nicht zwingend die Pilze auf Artebene bestimmen muss, sondern man eben eher danach schaut, dass eine tödlich giftige Art ausgeschlossen werden kann. Pilze, die lediglich Magendarmprobleme verursachen, spielen hier eher ein untergeordnete Rolle.
Allen PSV unseres Vereins, die künftig ebenfalls die Vergiftungsinformationszentrale unterstützen möchten, haben wir angeboten, dass ihnen auf Wunsch zu Beginn einer von uns, die dort bereits länger tätig sind, als Pate zur Seite stehen kann. Außerdem werden sie in unsere Signal‑Gruppe ‚Giftnotruf‘ aufgenommen, in der wir aktuelle Fälle diskutieren und uns fachlich austauschen.

Wir denken, dass es wieder eine interessante und für alle lehrreiche Veranstaltung war und werden diese wohl auch nächstes Jahr wieder durchführen.

Bericht:  Silvia Bosch und Helmut Walz
Fotos, falls nicht anders angegeben: Silvia Bosch

 

Literatur: FLAMMER, R. & FLAMMER, T. (2023): Mykologische Notfalldiagnostik, 4. ergänzte und überarbeitete Auflage, Eigenverlag